Shakespeare

Schiller und Shakespeare – Eine Liebeserklärung

Zunächst die Fakten:

Shakespeare und Schiller sind immer und immer noch die meistgespielten Autoren auf deutschen Bühnen. Schiller lernte Shakespeares Dramen mit 16 Jahren durch den Unterricht in der Hohen Karlsschule kennen und studierte danach eifrig die Wielandsche Übersetzung der Stücke.

Mit 19 sah er mehrere Stücke, darunter Romeo und Julia, Hamlet und König Lear in einer Aufführung der Theatertruppe von Emanuel Schikaneder. Mit 21 kauft er sich als Regimentsmedikus für 14 Gulden eine Shakespeare-Ausgabe. Sein Gehalt beträgt zu dieser Zeit 18 Gulden. Mit 40 bearbeitete er Shakespeares Macbeth für die deutsche Bühne.

Herr Shakespeare hingegen hat Schiller nie gelesen. Dafür ist er ungefähr 160 Jahre zu früh gestorben.

Am 24. Juli 1781 schrieb die Erfurtische Gelehrte Zeitung nach der umjubelten und skandalträchtigen Aufführung der Räuber: „Haben wir je einen teutschen Shakespear zu erwarten, so ist es dieser.“

Nun, haben wir einen deutschen Shakespeare?

Schiller war, wie alle Dichter des 18. Jahrhunderts, von Shakespeare beeinflusst. Deutschland schüttelte damals gerade das Joch des französischen Theaters von Corneille und Racine ab, und nun war Komik, war eine wilde Sprache, waren sogar Geister auf der Bühne erlaubt. Auch die seit Aristoteles heilige Einheit von Ort und Zeit auf der Bühne war plötzlich aufgehoben. Schillers Räuber spielen zum Beispiel in einem Zeitraum von „ohngefähr zwey Jahren“.

Schiller sagte, Shakespeare habe die „Charaktertragödie“ erst geschaffen, und er verwendet in seinen „Räubern“ ohne Bedenken Shakespearesche Konstellationen und Figuren. Aber schon dieses Stück, vor allem aber die späteren Dramen Schillers sind etwas ganz Eigenes und können getrost neben Shakespeare bestehen.

Und doch bleibt ein Unterschied!

Vielleicht so: Schiller schuf politische Dramen, er wollte zeigen, wie Politik, wie Macht funktioniert, Shakespeare schuf menschliche Dramen, er zeigt, wie der Mensch funktioniert.

Oder so: Shakespeare will zeigen, wir sollen staunen, Schiller will erklären, wir sollen verstehen?

Vielleicht auch so: Schiller ist immer ein Advokat der Freiheit, Shakespeare ein Advokat des Menschen. Von Schiller erinnern wir Ideen: Geben Sie Gedankenfreiheit! Von Shakespeare erinnern wir Menschen: Hamlet, Lear, Julia, Othello.
Schillers Themen bleiben immer aktuell, Shakespeares Figuren bleiben immer aktuell.

Aber so sehr wir Shakespeares Figuren kennen, so bleibt uns der Dichter selbst doch immer verborgen. Schiller dagegen ist in jedem seiner Stücke anwesend, seine Werke sind durchdrungen von seinen Ideen, denn er sah das Theater als moralische Anstalt, als Weltverbesserungsmaschine.

Und darum verehren wir den großen Shakespeare, wie wir auch Goethe verehren, aber unseren Schiller, den lieben wir!

(Birger Laing)